Geschichte

 

Die Vandalen

Mit dem Namen Vandalia beriefen sich die Stifter des Corps auf den Volksstamm der Wenden, die Ureinwohner Mecklenburgs, die schon im Mittelalter und auch noch in der frühen Neuzeit mit dem antiken Volk der Vandalen gleichgesetzt wurden. Nicht umsonst trugen auch andere Corps mecklenburgischen Ursprungs sowie die Mecklenburg-Strelitzer Hymne den gleichen Namen. Die Sichtweise, mecklenburgische "Vandalen" seien die im Land verbliebenen legitimen Nachkommen der ziehenden Vandalenverbände, beflügelte wohl auch schon zu Zeiten der Gründung des Corps die Phantasie und Abenteuerlust junger Corpsstudenten.

 

 

Vorgeschichte

Die Vorgeschichte der Vandalen in Rostock reicht bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück und ist im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts noch eng mit den Constantisten, einem Studentenorden im Geiste des frühen Idealismus, verbunden, die sich in Rostock, aber wohl auch in Jena, gehalten hatten, während sie an anderen Universitäten bereits verdrängt und bedeutungslos geworden waren.

 

 

Corpsgeschichte

Eine erste Vandalia wurde am 14. Mai 1808 von in Rostock studierenden Göttinger und Heidelberger Vandalen gestiftet. Sie hatte die Farben Blutrot-gold und ging bereits am 5. November 1812 wieder ein. Am 1. Mai 1822 versuchten wiederum einige Göttinger Vandalen ein Corps diesen Namens zu etablieren. Bereits am 16. November desselben Jahres musste diese suspendieren.
Das heutige Corps Vandalia wurde auf Grundlage dieser Traditionen am 18. Oktober 1824, dem zehnten Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht und damit an einem symbolisch gewählten Stiftungstag in der Hansestadt Rostock gegründet wiederum von Angehörigen der Vandalia Göttingen und von einigen Mitgliedern der vorangegangenen Rostocker Vandalia. Ungeachtet, ob an die Tradition von 1808 oder an das Stiftungsdatum vom 1824 angeknüpft wird, ist Vandalia die älteste Studentenverbindung an der Rostocker Universität. Bereits für die Stifter des Corps waren Toleranz in politischen und religiösen Fragen maßgelblicher Bestandteil der Gemeinschaft.

Waren die Farben zunächst bei allen Vandalias an deutschen Hochschulen rot-gold, so wurde in Rostock 1831 das blau der Constantisten hinzu genommen. Diese Symbiose von Constantistenorden und Corpslandsmannschaft ist es, auf die der 1831 in Rostock studierende mecklenburgische Mundartdichter und spätere Burschenschafter Fritz Reuter in seiner Gisbert, Friherr von Vincke gewidmeten Reis' nach Konstantinopel erinnernd anspielt: "Wi lös'ten de grote sociale Frag' un stift'ten ne Allgemeinheit unner uns, de de ßackermentschen Constantisten un Vandalen schändliche Wis' de Gemeinheit näumen deden."

Reuter selbst war nach einer kurzen Renoncenzeit bei Vandalia wegen "burschenschaftlicher Umtriebe" aus dem politisch enthaltsamen und toleranten Corps excludiert, die Rostocker Burschenschaft nach entsprechendem Druck der Mainzer Zentraluntersuchungskommission verboten worden. Der Rektor der Universität Wiggers brauchte hingegen eine Studentenverbindung als Interessenvertretung, die nicht Burschenschaft war, um politisch korrekt an den herzöglichen Landesherrn berichten zu können. Wiggers selbst war im Studium Senior des Constantitistenordens an der Universität Göttingen gewesen. Weitere Constantisten wie Carl v. Penz, Christian v. Nettelbladt und Helmuth v. Hobe waren in Schlüsselpositionen des mecklenburgischen Staatsdienstes und der Justiz. Diese im wesentlichen aus Angehörigen des Mecklenburgischen Adels bestehende Vandalia suspendierte im Jahre 1845, da nicht genügend geeigneter Nachwuchs an der niedergehenden Landensuniversität zu finden war.

Eine neue Blüte erlebte die Rostocker Universität erst in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Da die Legende der alten Vandalia die Zeiten unbeschadet überdauert hatte, wurde unter ortsansässigen Inaktiven und Alten Herren der Ruf nach der Rekonstituierung laut. Am 1.Mai 1907 wurde so das Corps Vandalia von sechs noch lebenden AH rekonstituiert und unterhielt bis zu der durch die politischen Umstände geschuldeten Suspension bis 1935 einen mitgliederstarken - und zumeist bürgerlich geprägten - Aktivenbetrieb in Rostock. In dieser Zeit sind im damaligen Landescorps die Altherrenschaften der vormaligen Rostocker Corps Borussia (1882-1886), Hansea (1882-1883) und Baltia Greifswald aufgegangen.

Nach der Zwangsauflösung am 5. Oktober 1935 und dem Ende des zweiten Weltkrieges konnte die Vandalia zunächst nicht an den Ort ihrer Entstehung zurückkehren. Zur Unterbrechung der in § 8 der Kösener Statuten genannten "Suspensionsfrist" meldeten sich 14 Bandinhaber anlässlich der Partie des iaCB v. Briskorn sowie für die Dauer des anschließenden FCC am 10. Juni 1961 aktiv. Die Tradition wurde sodann vom Kartellcorps Corps Hildeso-Guestphalia Göttingen ab 1954 in Göttingen fortgeführt. Um den Weg einer Rückkehr nach Rostock offenzuhalten, behielt der Altherrenverband der Rostocker Vandalen seine Unabhängigkeit und das Recht, Corpsstudenten Band oder Corpsschleife der Vandalen zu verleihen.

Die von Ende 2008 an vorbereitete Rekonstitution wurde am 1. März 2009 im Rostocker Ratskeller vollzogen und am 12. März 2009 dem Vorort des HKSCV angezeigt.Vandalia bildet seither wieder gemeinsam mit dem Corps Visigothia den Senioren-Convent (SC) zu Rostock. Erste Partien wurden am 27. März 2009 mit den Corps Concordia Rigensis und Albertina im Norddeutschen Waffenring gestellt. In Rostock bezog der CC zunächst in einem Abbruchhaus am Bahnhof, der sogenannten "Vandalenhöhle" Quartier. Seit Winter 2009/10 bietet das "John Binckman Haus" am Rostocker Stadthafen dem CC des Vandalen (über einem mittelalterlichen Gewölbekeller) eine standesgemäße Unterkunft. Das vierte Rostocker Vandalenhaus befindet sich neben dem Geburtshaus des Heimatdichters. Zum Abschluß des Sommersemesters 2009 wurde dem HKSCV ein Mitgliederbestand von 66 gemeldet.

 

Bekannte Mitglieder

  • John Brinckman (1814-1870), niederdeutscher Dichter und Schriftsteller
  • Karl Holsten (1825-1897), Professor für Theologie an der Universität Heidelberg
  • Dietrich Hermann Hoppenstedt (* 1940), Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands
  • Theodor Kliefoth (1810-1895), lutherischer Theologe und Kirchenreformer
  • Otto Friedrich Maximilian v. Liebeherr (1814-1896), Vizekanzler der Universität Rostock, Präsident des Landgerichts
  • Heinrich v. Oertzen (1820-1897), Reichstagsabgeordneter
  • bis 1831 Fritz Reuter (1810-1874), niederdeutscher Dichter und Schriftsteller
  • Ulrich Seibert (* 1954), Jurist, Referatsleiter Gesellschaftsrecht im BMJ, Professor für Wirtschaftsrecht
  • Albert Sprengel (1811-1854), Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung
  • Carl Friedrich Strempel (1800-1872), Augenarzt und Hochschullehrer, Gründer des Universitätsklinikums Rostock
  • Konrad Telmann (1854-1897), pommerscher Schriftsteller
  • Freiherr Georg v. Vincke (1811-1875), Beamter, Gutsbesitzer und Politiker, Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung
  • Moritz Wiggers (1816-1894), Politiker und Jurist
  • Wolfgang Wippermann (*1945), Professor für Geschichte, Historiker

 





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